Reicht das wirklich?
Diesen Satz höre ich immer wieder. Oder besser gesagt: Ich höre ihn indirekt. Oft erzählen mir Neukundinnen von ihrer früheren Nageldesignerin.
«Sie macht das schon seit 15 Jahren.»
«Sie hat unglaublich viel Erfahrung.»
Früher hat mich das eingeschüchtert. Ich dachte nur:
«OMG… Sie macht das seit 15 Jahren und ich bin im Vergleich noch in den Windeln.»
Heute sehe ich das etwas anders.
Erfahrung ist nicht automatisch Weiterentwicklung
Nach meiner Grundausbildung, die gerade einmal fünf Tage dauerte, habe ich mir bewusst vorgenommen, mindestens einmal pro Jahr ein Perfektionstraining zu besuchen. Nicht, weil ich unzufrieden mit meiner Arbeit war. Sondern weil ich besser werden wollte.
Wenn wir ehrlich sind, kennen wir alle diesen Ablauf: Wir gehen motiviert in eine Schulung, schreiben vielleicht fleissig Notizen und saugen möglichst viel Wissen auf. Zurück im Studio versuchen wir uns während der Behandlung daran zu erinnern:
«Wie hat die Trainerin das nochmals erklärt?»
Mit der Zeit verblassen diese Erinnerungen. Der Alltag übernimmt. Und irgendwann arbeiten wir wieder genau so wie vor der Schulung. Das wollte ich vermeiden.
Irgendwann beginnt man anders hinzusehen
Mit jeder Weiterbildung ist mir etwas aufgefallen. Ich begann die Arbeiten von Neukundinnen anders zu betrachten. Ich sah Seitenlinien, die nicht sauber gefeilt waren. Aufgeplatzte Farbe, Liftings, Statik … Dinge, die mir früher gar nicht aufgefallen wären. Und genau dort stellte ich mir eine Frage:
Was bringen mir 10 oder 20 Jahre Erfahrung, wenn ich heute noch genauso arbeite wie damals?
Ich sage bewusst damals. Denn die Beautybranche entwickelt sich unglaublich schnell. Es kommen nicht nur neue Produkte auf den Markt. Auch Techniken verändern sich laufend. Ein banales Beispiel aus dem Alltag: Vor einigen Jahren hatten viele Haushalte noch eine Fotokamera. Die Fotos brachte man zum Entwickeln. Heute fotografieren wir mit dem Handy und können die Bilder bequem zu Hause ausdrucken. Das Ergebnis ist dasselbe. Der Weg dorthin wurde jedoch optimiert. Genau das passiert auch in unserer Branche.
Früher war vieles «normal»
Ich erinnere mich noch gut. Mit etwa 17 Jahren wollte ich endlich haltbare Nägel haben. Meine Tante hatte damals einen Nagelkurs besucht, wie viele mit dem Gedanken:
«Ich mache einen Kurs und verdiene nebenbei etwas dazu.»
Also machte sie mir ein Neuset. Die Nägel waren bestimmt 5–8 mm dick. Meine Naturnägel wurden so stark angeraut, dass mir die Fingerkuppen danach zwei Tage lang weh taten. Heute würden wir wahrscheinlich den Kopf schütteln. Damals war das völlig normal. Nicht, weil sie schlecht gearbeitet hat. Sondern weil es damals so gelehrt wurde.
Deshalb reicht Erfahrung alleine nicht
Natürlich kannst du nach einer Grundausbildung einfach üben. Du sammelst Erfahrungen. Du wirst schneller. Du wirst sicherer.
Aber ohne Weiterbildung bleibst du oft auf dem Wissensstand stehen, den du am ersten Kurstag gelernt hast. Und genau deshalb empfinde ich selbst meine viertägige Grundausbildung heute als sehr kurz. Obwohl ich meinen Schülerinnen möglichst viel mitgeben möchte, weiss ich, dass eine Grundausbildung nur das Fundament sein kann. Den Rest lernt man mit Erfahrung…
…und mit Weiterbildung.
«Ich möchte ja nur meine eigenen Nägel machen.»
Dann ist das völlig in Ordnung. Nicht jede Grundausbildung muss der Start in eine Selbstständigkeit sein. Wenn du aber den Wunsch hast, später Kundinnen zu behandeln oder dir ein eigenes Einkommen aufzubauen, dann würde ich persönlich nie bei der Basis stehen bleiben. Nicht, weil die Grundausbildung schlecht ist. Sondern weil sie genau das ist: Eine Grundlage.
Und auf einer Grundlage baut man weiter.
Mein Fazit
Weiterbildung bedeutet nicht, dass du etwas nicht kannst. Sie bedeutet, dass du bereit bist, deine Arbeit immer wieder kritisch zu hinterfragen und Neues zu lernen. Ich investiere bis heute regelmässig in Schulungen. Nicht, weil ich etwas falsch mache. Sondern weil ich meinen Kundinnen und meinen Schülerinnen die bestmögliche Qualität bieten möchte. Denn Erfahrung und Wissen sind wertvoll. Wer bereit ist, beides laufend weiterzuentwickeln, investiert nicht nur in sich selbst, sondern auch in die Qualität seiner Arbeit.
